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Hyperfokus ist keine Superkraft

Es klingt verlockend. Du setzt Dich an Deinen Arbeitsplatz, Stunden vergehen wie Minuten, und am Ende steht etwas, das sich nach echter Leistung anfühlt und auch ist. Social Media liebt dieses Bild. Sogar prominente…

RedaktionGanzer Beitrag frei lesbar

Es klingt verlockend.
Du setzt Dich an Deinen Arbeitsplatz, Stunden vergehen wie Minuten, und am Ende steht etwas, das sich nach echter Leistung anfühlt und auch ist. Social Media liebt dieses Bild. Sogar prominente Persönlichkeiten wie Heidi Klum erzählt ihren "Meeeedäls" (Die Stimme dazu denkt euch selbst) das ADHS und Hyperfokus ihre Superpower sind. Hyperfokus als ADHS-Superpower, als das Geheimnis hinter dem Erfolg der Neurodivergenten, als das eine Ding, das die ganzen anderen Schwierigkeiten irgendwie aufwiegt.

Ich kann das nicht mehr so stehen lassen.

Nicht weil Hyperfokus keine reale Erfahrung wäre - das ist er definitiv. Sondern weil die Art, wie wir gerade kollektiv darüber reden, Menschen schadet. Und zwar besonders den Menschen, die ohnehin schon kämpfen.

Was passiert bei Hyperfocus?

Wichtigster Punkt, warum das alles nicht so romantisch sein kann: Hyperfokus ist kein Modus, den du einfach ein- und ausschaltest. Er passiert. Meistens dann, wenn Du morgens nach dem aufstehen nicht damit gerechnet hast.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich kann mich in komplexe Probleme von Menschen hineinversetzen, mich in SaaS-Architekturen hineindenken, Systeme entwerfen, Konzepte entwickeln: Stundenlang, ohne aufzuschauen, ohne Pause zu brauchen, fast ohne es zu merken. Zehn Stunden tief in einer Plattform-Logik, und ich bin dabei fast philosophisch zufrieden.

Und dann stehe ich im ReWe und kann einen Einkaufszettel nicht abarbeiten, geschweige denn vorher überhaupt einen zu schreiben. Ja - das Bewegungsprofil im Laden "von oben" würde ich dann gerne mal sehen. Zum Fremdschämen wahrscheinlich.

Das klingt wie ein Witz. Ist es aber nicht. Es ist eines der einfachsten Bilder, die ich für mein eigenes Erleben gefunden habe. Nicht weil ich "zu doof" (auch wenn man das umgangssprachlich gern sagt, damit man irgendwie "witzig" dabei klingt.) dafür wäre - das glaube ich zwar manchmal kurz, wenn ich dort stehe und die fast leere Liste in der Hand halte und trotzdem dreimal am falschen Regal lande. Aber es hat nichts mit Intelligenz zu tun. Es hat damit zu tun, dass Gehirn und Körper nach dem Hyperfokus aus den Reserven laufen. Und im ReWe ist nichts mehr da. Der ReWe ist leider auch zu langweilig, um so viel Dopamin wie ein Hyperfocus-würdiges Thema zu produzieren.

Das ist der Teil, der in den Feel-good-Posts über ADHS fast immer fehlt.

Der Preis: Erschöpfung

Leistung ist selten ein linearer Prozess. Das gilt für alle Menschen - auch wenn die meisten Prozesse in unserem Industrialisierungs-geprägten Land anscheinend mit genau dieser Annahme entwickelt wurden - aber für neurodivergente Menschen gilt es nochmal auf eine eigene, besondere Weise.

Wer unter ADHS-Bedingungen in einen Hyperfokus geht, aktiviert kognitiv und neurobiologisch etwas, das sich nicht einfach zurückfahren lässt wie ein Laptop in den Standby-Modus. Der Körper macht das einfach. Er läuft auf Hochtouren, "do or die" und irgendwann läuft er auf Reserve. Und dann: Laufen Körper und auch der Geist irgendwann trocken.

Das Tückische: Im Hyperfokus selbst merkst du das nicht. Das ist Teil des Mechanismus. Die Erschöpfung kommt danach. Manchmal direkt, manchmal erst einen Tag später, manchmal schleichend über Wochen, wenn du nicht aufpasst. Und wenn du das nicht einplanst, wenn du denkst, diese intensive Produktivitäts-Phase sei einfach der neue Normalzustand, dann läuft es irgendwann gegen eine Wand.

Ich beobachte, wie viele Menschen genau das gerade tun. Manche, weil sie denken, das ist die Definition von "Fleiß" wie es die Werte der Erziehung vermittelt haben. Manche haben auf Social Media Kanälen den Selbstoptimierungszug genommen, der voll in Fahrt ist. Andere wurden aufgemuntert: "Hyperfokus ist deine Stärke, nutze sie." Und sie nutzen sie. Und wundern sich, warum sie sich dauerhaft erschöpft fühlen, warum die Leistung mittelfristig nicht hält, warum der nächste Hyperfokus immer schwerer kommt.

Weil du aus einem Reservoir schöpfst, das sich erholen muss.

der "berühmte" Tunnel - so viele reden darüber

Das Bild, das Hyperfokus am besten beschreibt, ist nicht eine geöffnete Tür. Es ist ein enger Tunnel, in dem vorne ein einziger Lichtpunkt leuchtet. Dieser Lichtpunkt ist das Objekt des Fokus - alles andere verschwimmt, verblasst, existiert kaum noch.

Das klingt erstmal nach Konzentration. Nach Produktivität. Und kurzfristig ist es das auch.

Aber schau, was der Tunnel mit allem anderen macht: Die wichtigen Dinge außerhalb des Lichtkegels verschwinden. Nicht weil du sie vergessen hast. Sondern weil dein Wahrnehmungssystem sie buchstäblich ausblendet, solange der Fokus aktiv ist. Die E-Mail, die heute raus musste. Das Gespräch mit dem Kunden, das du verschieben wolltest - und das du dann tatsächlich vergessen hast zu verschieben. Das Essen, das du nicht gegessen hast, weil keine Hunger-Signale mehr ankamen.

Das ist keine Metapher. Das ist der Mechanismus.

Und genau hier wird es beruflich und persönlich gefährlich: Hyperfokus kann in einem sehr realen Sinn die falschen Dinge in den Vordergrund schieben und die richtigen verdrängen. Nicht absichtlich. Nicht aus Faulheit oder Gleichgültigkeit. Sondern weil der Fokus-Modus so totalitär ist, dass Prioritäten kurzzeitig außer Kraft gesetzt bzw. lächerlich weit verschoben werden.

Ich kenne Menschen, die mitten in einem wichtigen Projekt stecken - und dann drei Tage in einer vollkommen anderen Sache versinken, die sie eigentlich gar nicht geplant hatten. Das Ergebnis ist oft gut. Der Prozess dahin war intensiv und befriedigend. Und die ursprüngliche Aufgabe? Liegt da. Wartet. Tut das neue was zur Sache für das was gerade ansteht? Nicht unbedingt.

Ist eigentlich kein Versagen, weil es neurologisch hängt. Aber es ist auch keine Superkraft.

Die Romantisierung schadet

Ich verstehe, warum das passiert. Neurodivergenz war lange Zeit fast ausschließlich ein Defizit-Narrativ. ADHS hieß: du kannst dich nicht konzentrieren, du bist unzuverlässig, du bist schwierig. Das stimmt so nicht. Die Gegenbewegung, die das richtigstellt, ist im Kern wertvoll. Ich erlebe gerade Eltern, die damit ihren Kindern bei einer Diagnose Mut machen wollen.

Aber irgendwo auf dem Weg dorthin ist aus "ADHS hat auch Stärken" ein "ADHS ist eigentlich eine Superkraft" geworden. Und das ist eine andere Aussage. Eine falsche.

Denn was passiert, wenn jemand mit ADHS glaubt, Hyperfokus sei seine Superkraft? Er plant nicht ein, dass danach Erholung nötig ist. Er lernt keine Strategien, um zu regulieren, wann Hyperfokus hilfreich ist und wann er sabotiert. Er entwickelt keine Kompensationsmechanismen, weil: Wozu, wenn es doch eine Superpower ist?

Und wenn dann der Crash kommt, wenn die Erschöpfung da ist und die Leistung nicht mehr hält, dann liegt die naheliegende Erklärung nicht mehr bei einem unrealistischen Selbstbild. Dann liegt sie bei einem selbst. Ich schaffe das nicht. Ich bin kaputt. Ich bin das Problem.

Das ist der Schaden, den romantisierte Darstellungen anrichten. Nicht in einem großen dramatischen Moment, sondern still und über Zeit.

Stärken nutzen, aber realistisch bleiben

Ich möchte nichts wegnehmen. Wirklich nicht. Hyperfokus kann ein echter Vorteil sein. Unter bestimmten Bedingungen, mit bestimmten Strukturen, wenn man verstanden hat, wie er funktioniert und was er kostet. Und das nicht nur für einen selbst, sondern auch für das Umfeld. Kreativität, Lösungsfindung und "Um-die-Ecke-denken" lässt jedes Team, jede Mannschaft, jede Familie profitieren.

Wenn ich weiß, dass nach einem intensiven Fokus-Tag ein ruhiger Tag folgen muss, dann kann ich das einplanen. Wenn ich erkenne, welche Aufgaben für Hyperfokus geeignet sind und welche ich besser in einem anderen Modus bearbeite, dann kann ich damit arbeiten. Wenn ich akzeptiere, dass meine Leistungskurve nicht linear ist und auch nicht sein kann, dann höre ich auf, mich dafür zu bestrafen.

Das ist ein grundlegend anderes Mindset als "nutze deine Superkraft". Es ist realistischer, ehrlicher und letztlich auch nützlicher.

Leistungsentfaltung auf längere Sicht funktioniert nicht durch Intensität allein. Sie funktioniert durch einen Rhythmus, der den eigenen neurologischen Gegebenheiten entspricht. Und dieser Rhythmus sieht bei neurodivergenten Menschen oft anders aus als bei anderen: Ungleichmäßiger, scheinbar unvorhersehbarer, mit größeren Ausschlägen in beide Richtungen.

Das zu akzeptieren ist keine Niederlage. Es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt nachhaltig zu funktionieren.

Was das für den Alltag bedeutet

Es geht nicht darum, weniger zu leisten oder sich zu limitieren. Es geht darum, ehrlich mit sich selbst zu sein: Was bedeutet das konkret?

Es bedeutet, Erschöpfung nach intensiven Phasen als Information zu lesen. Es bedeutet, Systeme zu entwickeln, die nicht davon abhängen, dass der nächste Hyperfokus kommt und alles rettet. Es bedeutet, die Dinge, die im Tunnel unsichtbar werden, trotzdem irgendwie zu sichern: Durch Erinnerungen, durch Routinen, durch externe Strukturen.

Und es bedeutet, aufzuhören, sich mit einem Idealbild von ADHS zu vergleichen, das nicht existiert. Jeder betroffene Mensch ist da anders, hat ein anderes Spektrum.

Ich dachte immer, die intensiven Phasen seien mein bester Modus und alles andere sei Pech oder mangelnde Disziplin. Das war falsch. Die Intensität ist real, aber sie braucht Gegengewichte, Pausen, Struktur, Kompensation.

Ohne das läuft man irgendwann leer. Nicht metaphorisch. Wirklich leer.

Ein letzter Gedanke

Wir tun neurodivergenten Menschen keinen Gefallen, wenn wir die Saga von ADHS als Superkraft weitererzählen. Wir tun ihnen einen Gefallen, wenn wir beides benennen: die

echten Stärken und die echten Probleme, wenn man sich nicht vollends darauf einlässt und die Gegengewichte mitbringt. Wenn wir den Raum schaffen, auch über die schwierigen Seiten zu reden, ohne dass das sofort als Defizit-Denken abgetan wird.

Ehrlich sein mit sich selbst, ist hier keine Kleinigkeit. Sie ist der Unterschied zwischen Menschen, die lernen mit sich umzugehen und Menschen, die jahrelang glauben, sie seien selbst das Problem. Nur: Je länger man damit wartet, umso schwieriger wird es "schlechte Gewohnheiten" abzustellen. Erkenntnis allein reicht nicht, es braucht auch die Verhaltensänderungen.

Du bist nicht das Problem. Aber du brauchst ein realistisches Bild von dir selbst, nicht ein romantisiertes.


Wenn du dich in irgendetwas hier wiedererkannt hast - schreib mir gerne. Ich bin neugierig, wie das bei dir aussieht. Und manchmal hilft es einfach zu wissen: du bist damit nicht allein.